Quelle Anzeigenblatt 4. August 2016
Ein bedeutungsvoller Gebietsaustausch vor 75 Jahren: Nach der Salzgitter – Verordnung wurden Hornburg, Isingerode und Roklum braunschweigisch, Hessen und Pabstorf preußisch.
Am 1. August 1941 erfolgte ein weitreichender und bedeutungsvoller Gebietsaustausch am Rande des „Großen Bruchs“: Nach einer Zugehörigkeit von über 600 Jahren zum Lande Braunschweig wechselte Hessen (heute Landkreis Harz) vom Landkreis Wolfenbüttel in den Landkreis Wernigerode. Pabstorf, von denen einige Ortsteile preußisch, andere braunschweigisch gewesen sind, wurde dem Landkreis Oschersleben zugeschlagen. Das halberstädtische Dorf Roklum, die Kleinstadt Hornburg und der Nachbarort Isingerode kamen vom Kreis Wernigerode zum Landkreis Wolfenbüttel. Die 1395 urkundlich erwähnte Gaststätte „Zur Weinschenke“ in Hessen weist auf enge Verbindungen zum Braunschweiger Land hin; denn sie gehörte dem braunschweigischen Herzog. Das früher stark in Richtung Halberstadt und Wernigerode ausgerichtete Dorf Roklum gehörte einst dem Dompropst in Halberstadt, bis 1932 zum Landkreis Halberstadt und kam dann mit Hornburg und Isingerode in den Kreis Wernigerode. Die Hornburger Burg ist einst eine halberstädtische Bischofsburg gewesen.
Blicken wir auf etwas mehr als 75 Jahre zurück: Im Sommer 1937 wurden zur Ausbeutung geringer Eisenerze im Salzgitter – Gebiet die Reichswerke AG geplant. Der Sitz dieser Aktiengesellschaft wurde im Juni 1941 von Berlin nach Salzgitter verlegt. Am 6. Oktober 1937 richtete die Baustellenleitung ein Büro in der Watenstedter Gaststätte Lochte ein. Der Bau der Anlagen des Hüttenwerkes und zahlreicher Wohnsiedlungen wurde eilig vorangetrieben. Zuerst sah die Planung Siedlungen für 250 000 Menschen vor, dann für 135 000. Im Jahre 1938 lief der Hüttenbau auf vollen Touren. Straßen, Schienenwege und ein Stichkanal zum Mittellandkanal wurden angelegt. Am 10. März 1938 erfolgte der erste Spatenstich für Hochofen 1, am 5. April 1938 für Walzwerk 1.
Bald wurde das Salzgitter – Gesetz, die Verordnung über Gebietsbereinigungen im Raume der Hermann – Göring – Werke Salzgitter, geschaffen. (Generalfeldmarschall Göring war ein NSDAP- Politiker). Das Gesetz trat mit dem Ziel in Kraft, neben der ländlichen Neuordnung und Flurbereinigung (territorialen Arrondierung) der Grenzen des Freistaates Braunschweig und Preußen die Voraussetzungen für den Ausbau dieser Hüttenwerke zu schaffen. Die Rüstung in Deutschland ging unaufhaltsam weiter. Hermann Göring benötigte dringend Stahl für den sinnlosen Krieg.
Die Stahlwerke (Reichswerke Hermann – Göring – Werke genannt) benötigten nämlich dringend die auf preußischem Gebiet liegenden Brunnenfelder bei Hornburg für die werkseigene Wasserversorgung. Zwischen Börßum, Heiningen, Werlaburgdorf, Schladen und Hornburg liegt ein großes unterirdisches Wasserreservoir. Hier treffen die Urstromtäler von Ilse und Oker zusammen. „In dieses unterirdische Wasserreservoir wurden 1939 unter der Leitung des Geologen Johannes Weigelt aus Halle in sehr kurzer Zeit 88 Brunnen niedergebracht. Die 60 Meter tiefen Brunnen sind mit Unterwasserpumpen ausgestattet“, informierte Dipl.-Ing. Heinz Löbermann, in Börßum wohnender ehemaliger Betriebsleiter für die Wasserversorgung der Hüttenwerke. Denn für die Stahlherstellung sind enorme Mengen Wasser für Hochöfen und Walzstraßen nötig. Zusätzlich benötigten die aus ganz Deutschland angesiedelten Hüttenarbeiter Trinkwasser. Parallel zum Bau der Reichswerke wurde im Versorgungsgebiet ein 280 Kilometer langes und weitverzweigtes Rohrleitungsnetz verlegt. Dazu gehörten und gehören immer noch zwei Betondruck- Rohrleitungen mit einem Innendurchmesser von 1,20 Meter.
Im Februar 1940 wurde in diesem Zusammenhang die WEVG (Wasser- und Energieversorgungs- Gesellschaft) gegründet. Aufgabe der neuen Gesellschaft mit Sitz in Watenstedt (später Salzgitter-Watenstedt) war es, die Wasser- und Energieversorgung aufzubauen. In der „Verordnung über Gebietsbereinigungen im Raume der Hermann – Göring- Werke Salzgitter“ vom 25. Juni 1941 heißt es genau: Auf Grund des Artikels 5 des Gesetzes über den Neuaufbau des Reiches vom 30. Januar 1934 wird im Einvernehmen mit dem Beauftragten für den Vierjahresplan verordnet.
§1. In das Land Braunschweig werden folgende bisher preußische Gebietsteile eingegliedert: … 4. aus dem Landkreis Wernigerode (Regierungsbezirk Magdeburg) die Gemeinde Hornburg, Isingerode, Roklum; sie werden in den Landkreis Wolfenbüttel eingegliedert
§ 2. In das Land Preußen werden folgende bisher braunschweigische Gebietsteile eingegliedert: … 2. in den Regierungsbezirk Magdeburg a) aus dem Landkreis Wolfenbüttel die Gemeinde Hessen; sie wird in den Landkreis Wernigerode eingegliedert; b) die Gemeinde Pabstorf, soweit in ihr bisher vom Lande Braunschweig Hoheitsrechte ausgeübt worden sind; sie wird insoweit in den Landkreis Oschersleben eingegliedert.§ 8. Diese Verordnung tritt am 1. August 1941 in Kraft. Berlin, den 25. Juni 1941. Der Reichsminister des Innern Frick. Salzgitter wurde in diesem Zusammenhang im April 1942 kreisfreie Stadt.
Hornburg mit seinen weitreichenden Brunnenfeldern, Isingerode und Roklum kamen nach dem II. Weltkrieg zur britischen Westzone, Hessen und Pabstorf dagegen gehörten der Sowjetzone an. In der „Chronik der Volksschule Roklum, Kr. Halberstadt“, wird auf Seite 52 vermerkt: „19.7.41 Schluss des Schuljahres 1940/41. 1. 8. 41 Übergang der Gemeinde Roklum und damit der Schule in den Kreis Wolfenbüttel.“
Während der Grenzziehung kam es allerdings zu Unstimmigkeiten über den Grenzverlauf. Hierüber berichtet der ehemalige Wolfenbütteler Vermessungsingenieur Dieter Kertscher im Wolfenbütteler Heimatbuch 2010. Kertscher geht auf die „Lebenserinnerungen von Professor Dr. Johannes Nittinger“ ein. Er war von 1939 bis 1949 Leiter des preußischen Neuvermessungsamtes Wolfenbüttel und mit der vermessungstechnischen Betreuung beim Aufbau der Hüttenwerke betraut. Demnach konnten Mitarbeiter des Neuvermessungsamtes in Zusammenarbeit mit dem damaligen Hornburger Bürgermeister Adolf Lamprecht am Kriegsende 1945 Russen südlich der Kleinstadt Hornburg stoppen.
Auf im Umlauf vorhandenen Karten war Hornburg noch als preußisch dargestellt. Britische Fahrzeuge fuhren in Richtung Süden und markierten mit Schildern den Verlauf der Grenze.
Im gleichen Heimatbuch berichtet die Hornburger Heimatpflegerin Dr. Sibylle Heise in „Hornburg – eine Stadt an der Grenze“ über die Situation auf dem Hornburger Gutshof: „Sicherheitshalber lagen unter den Betten aller Familienmitglieder gepackte Rucksäcke, so war eine eventuelle Flucht vor den Russen vorbereitet. Die Situation spitzte sich zu, als auf dem Gutshof britische Soldaten hölzerne Grenzschilder hergestellt hatten, … Groß war die Erleichterung, als die Soldaten sich in südliche und östliche, nicht nördliche Richtung bewegten, das bedeutete nämlich, dass Hornburg unter britische Besatzung verbleiben würde und die Rucksäcke wieder ausgepackt werden konnten.“
An anderer Stelle („DER SPIEGEL“, 16. 7. 1973. Bericht Grenzkommission. Hier Graniza“) entdeckte ich folgendes: „Auf der Chaussee zwischen Hornburg und Rhoden tippte der Sowjetoffizier beharrlich auf seine Generalstabskarte: Er wollte nicht wahrhaben, dass der Plan nicht mehr stimmte. Vergeblich versuchten Briten und Deutsche ihm klarzumachen, dass das Dorf Rhoden zu Preußen, die Stadt Hornburg dagegen seit ein paar Jahren schon zum Land Braunschweig gehöre.
Schließlich zeigte Hornburgs Bürgermeister Lamprecht auf zwei Apfelbäume: Den da, Herr Kommandant, hat der Bürgermeister von Rhoden verpachtet. Diesen hier habe ich verpachtet. Also muss hier die Grenze sein. Da verstand der Kommandant, rollte sein Blatt ein und befahl: Gutt, dann hier Graniza.“ Das soll im August 1945 gewesen sein.
Ähnliches ist aus Roklum bekannt. Hier steckten russischen Soldaten auf dem „Neinstedter Feld“ nördlich vor Roklum bereits Grenzpflöcke in den Acker und wurden schnell aufgeklärt, dass Roklum braunschweigisch geworden ist. Tagebuchnotizen einer Hessener Bürgerin weisen ebenfalls auf Verwirrungen der Besatzungsmächte hin. Folgendes hat Hilde Wagenführ vermerkt: 11. April 1945. 9.45 Uhr fuhren amerikanische Panzer in Hessen ein. 28. Mai 1945: Englische Besatzung. 1. Juli 1945: Ab 12 Uhr russisches Besatzungsgebiet. Die Brunnenfelder bei Hornburg, der Bau der Salzgitter-Hüttenwerke und die Salzgitter – Verordnung vom 1. August 1941 sorgten dafür, dass die Geschichte der Fachwerkstadt Hornburg und der oben erwähnten Dörfer in dieser Zeit ganz anders verlaufen ist.
Autor Bern Uwe Meyer
